
Beziehungsgestaltung verlange auch einen politischen, gesellschaftlichen, sozialen und ökonomischen Rahmen, sagte der Direktor der Evangelischen Stiftung Neuerkerodes bei einer Fachtagung zum Thema Beziehung anlässlich des 140-jährigen Bestehens der Stiftung Neuerkerode in Schöppenstedt: „Die soziale Professionalität der Politik und damit der Gesellschaftsgestaltung ist einer fiskalischen Buchhaltermentalität gewichen“, kritisierte Becker. Die Sozialpolitik des Landes Niedersachsens mache den Kostenansatz der Eingliederungshilfe als größten Anteil im Sozialhilfeetat zum Ausgangspunkt ihres Nachdenkens. Der Zeit seines Lebens auf Fürsorglichkeit Angewiesene passe nicht in die Paradigmen und Denkschablonen unserer Zeit.
Beziehung’ - genauer: Beziehung in der therapeutischen Arbeit bei Menschen mit geistiger Behinderung und zusätzlicher psychischer Auffälligkeit war das Thema der psychologischen Fachtagung, bei der sich über 250 Fachleute aus ganz Deutschland trafen.
„Menschen mit geistiger Behinderung leben wie wir alle in einer Beziehungswelt die durch Menschen gestaltet ist, und nicht durch Maßnahmen“, betonte Henning Michels, Leiter des psychologischen Fachdienstes der Stiftung. Man müsse sich damit befassen, wie sich Beziehungsqualitäten durch zunehmende Begrenztheit von Ressourcen verändern und welche Auswirkungen dies in der therapeutischen Arbeit nach sich ziehe, so der Psychologe.
In Beziehung zu treten, bedeute sich zu öffnen, so Barbara Senkel, Psychologin an der Ludwig-Schlaich-Akademie in Stetten bei Stuttgart in ihrem Vortrag. Die Echtheit eines Beziehungsangebotes, die Wertschätzung des Gegenüber, die Fähigkeit, auch der Routine neue Aspekte abzugewinnen und die Kreativität, die Welt anderer Menschen mit eigenen Augen zu sehen, seien Aspekte in der therapeutischen Arbeit mit geistig behinderten Menschen. Die Bezugsperson sei von Bedeutung, nicht der Assistent. Beziehungsarbeit bedeute sowohl ein Stück Anpassung, als auch Unabhängigkeit Sie nenne das „Autonomie sozialer Gebundenheit“, so die Referentin. Die Oberärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Asklepius Fachklinikum Tiefenbrunn bei Göttingen, Birgit Riediger, betonte das Zusammenspiel von therapeutischen Beziehungen unterschiedlicher Qualität in der Arbeit mit geistig behinderten Menschen. Und nach Ansicht von Renate Laskowski sind Störungsbilder von Beziehungen eine besondere therapeutische Herausforderung. Die Psychologin an der Klinik für Trauma- und Psychotherapie im Klinikum Wahrendorff bei Hannover beobachtet in ihrer Praxis als Folge von Beziehungsstörungen häufig dissoziales und grenzverletzendes Verhalten. Achim Perner, Psychoanalytischer Sozialarbeiter am August-Aichhorn Institut in Berlin, vertrat die Ansicht, erst das prozessuale Zusammenwirken in einem therapeutischen Arbeitsbündnis ermögliche die Voraussetzung für ein befriedigendes Leben.
Wenn es gut geht“, so Henning Michels, „können aus professionellen Kontakten wirkliche, menschliche Beziehungen entstehen, aus asymetrischen Beziehungen symetrische werden.“
Die Vorträge der Fachtagung "Beziehung!" können hier heruntergeladen werden:

Gelingende Beziehung in der therapeutischen Arbeit mit geistig behinderten Menschen war ihr Thema: (v.l.n.r.) Achim Perner; Henning Michels, Renate Laskowski, Birgit Riediger, Rüdiger Becker und Barbara Senckel
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