Somatische Fragestellungen bei Menschen mit Behinderung - Was ist eine gute Handlungsethik?

Immer noch sind medizinische Angebote für Menschen mit geistiger Behinderung in Deutschland eher rar, einem Land das weltweit an 5. Stelle der pro Kopf Ausgaben für Gesundheitsleistungen liegt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Im Vortrag soll das Spannungsfeld beleuchtet werden, das sich zwischen theoretischer und praktischer Machbarkeit, moralischer Verpflichtung zur angemessenen medizinischen Versorgung und reduzierter Selbstfürsorge der Betroffenen spannt. Insbesondere bei ausgeprägter komplexer Behinderung (körperlich und intellektuell) entstehen über die Lebensspanne viele Situationen, in denen eine ernste somatische Erkrankung vermutet wird. Die erforderlich erscheinende Diagnostik stößt dann aber schnell an Grenzen und es entstehen viele Fragen. Welche Untersuchungen sind unbedingt erforderlich? Wie wägen wir das mutmaßliche Risiko von Diagnostik und Therapie ab gegen die aus dieser Medizin entstehenden Risiken, Belastungen und Traumatisierungen? Ist Abwarten und Beobachten eine gute Option? Wie gehen wir mit dem natürlichen Willen des betroffenen Menschen um, der keinen eigenen Antrieb entwickelt sich untersuchen und behandeln zu lassen, der vielleicht sogar eine körperliche Untersuchung oder eine Blutentnahme nicht toleriert? Sind mutmaßliche Lebenserwartung und -qualität des behinderten Menschen gute „Leitplanken" im Entscheidungsprozess? Im Vortrag wird über die täglichen Erfahrungen im Umgang mit somatischen Problemen bei Menschen mit komplexer, mehrfacher Behinderung im Krankenhaus berichtet, die der Vortragende in über 20 Jahren leitender Tätigkeit als Internist im Krankenhaus Mara gesammelt hat.

Dr. Jörg Stockmann

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