Welcome to the USA

Für drei Wochen sind Führungskräfte der Evangelischen Stiftung Neuerkerode über den großen Teich geflogen. Sie besuchen die Partnerorganisation TILL (Organisation Toward Independent Living and Learning) in Boston (USA), um neue Impulse und Konzepte für ihre Arbeit zu sammeln.
Hier schildern Jane Rinne, Jakob Richter und Sabine Drewes ihre Eindrücke:

Kennenlernen

We made it! Nach einer fast 24-stündigen Anreise werden wir herzlich in unser Unterkunft, einer 4er-WG, durch die Individuals – so werden hier die Bürger genannt – und einer Mitarbeiterin von TILL empfangen.

Der nächste Tag beginnt mit unserer Teilnahme an der Konferenz der Bereichsleitungen, die von Lana geleitet wird. Sie war im vergangenen Jahr zu Besuch in Neuerkerode und kann uns gut die Unterschiede zwischen den Arbeits- und Organisationsstrukturen vor Ort und in Neuerkerode erklären.

In den nächsten Tagen sind wir dann wechselweise in dem Hauptquartier oder im gesamten Bundesstaat Massachusetts unterwegs und besuchen verschiedene Wohngruppen – insgesamt verfügt TILL über 56 Wohngruppen, die im ganzen Gebiet verteilt sind. Die Tage sind entsprechend vollbepackt mit zum Teil vielen Stunden Autofahrt.

Es gibt da zum Beispiel die „TILL-Farm“, die im Prinzip unserem Burschenhof ähnlich ist und über ein Tagesförderungsangebot sowie zwei Wohngruppen verfügt, in denen jeweils vier Menschen zuhause sind. Farmer Jim leitet die Menschen dort an.
Im ETC Giftshop fertigen die Individuals u.a. Deko-Artikel an, die verkauft werden. Es gibt zudem eine Küche, in der täglich 2000 Essen für die Schulen zubereitet werden. In der oberen Etage befindet sich die Tagesförderung.

Konzept

Das TILL-Konzept sieht vor, dass vier bis fünf Individuals in geräumigen, großzügig eingerichteten Häusern leben und von mehreren Mitarbeitenden betreut werden. Eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger/in gibt es in der Form nicht, dafür gibt es interne Schulungen, die sich 101-Trainings nennen, und die Mitarbeitenden auf ihre Arbeit in der Wohngruppe vorbereiten. Im medizinischen Bereich werden allerdings akademische Abschlüsse und die Teilnahme an Qualifizierungskursen vorausgesetzt.

Zum Konzept gehört auch der regelmäßige Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen: In einem Arbeitskreis haben wir etwa zum Thema Sexualität von Menschen mit Behinderung diskutiert, die für dieses Thema sensibilisiert werden und schließlich mit den Individuals darüber in den Austausch gehen. In einem anderen Arbeitskreis waren wir im Austausch mit den Mitarbeitenden des Autism Support Centers, die sich um autistische Kinder kümmern und mit ihnen „Skills“ (Alltagskompetenzen) einüben.
Jeden zweiten Mittwoch gibt es ein sogenanntes „Brown Paperbag Meeting“, bei dem jeder seinen Lunch mitbringt und beim Essen über Fälle gesprochen wird, die die Psychologen und Sozialarbeiter beschäftigen - sozusagen eine kollegiale Beratung für schwierige Fälle.

Zwei Tage lang haben wir den Bereich Tagesförderung mit seinen Schwerpunkten kennengelernt. So wird hier für stärker beeinträchtigte Menschen das „Day-Hab“ angeboten und für die aktiveren eine Art Tagesförderung wie bei uns. Eine coole Erfahrung war die Teilnahme an einem Rollenspiel, bei dem die Individuals eine halbe Stunde zu einem öffentlichen „Gaming-Place“ gefahren sind. Jeder hat einen eigenen Charakter und bestimmte Fähigkeiten, die er einsetzen kann. Ein Gamemaster, der nicht aus der Behindertenhilfe stammt, begleitet das Spiel sowie eine Therapeutin. Jedes Spiel dauert 1:30 Stunde und es ist unglaublich wie diszipliniert alle mitspielen. Auch die Bürger ohne Sprache können mithilfe der Mitarbeiter mitmachen.

Kultur und Sport

Sport spielt hier in Boston eine große Rolle: Zur Einstimmung auf die TILL Games, die vergleichbar mit den Special Olympics sind, haben die Organisatoren im Headquarter eine Party organisiert. Das nennt sich TILLgate und ist wie bei den Footballspielen eine Art kleine Einstimmungs-Feier, mit Torte, Eiswagen, Spielen, Hotdogs und Popcorn. Bei den TILL Games waren dann mehr als 500 am Start! Mein Kollege Jakob hat beim Staffellauf teilgenommen und wir haben kräftig angefeuert.

Gemeinsam mit Dafna Krouk-Gordon, der Vorstandsvorsitzenden von TILL, und Mitarbeitenden haben wir ein Baseballspiel der Boston Red Sox besucht. Die Atmosphäre im berühmten Fenway Park war einmalig.
Eine Sightseeingtour durch Boston durfte natürlich auch nicht fehlen: Zusammen mit einer Wohngruppe haben wir eine Bootsrundfahrt gemacht und waren unter anderem in der John F. Kennedy Library.