Kleine Patienten aus Singapur und Griechenland

Plüschteddy und Spieluhr verschwinden unter einer sterilen Decke. Die kleine Hand des einjährigen Lukas liegt entspannt auf dem Operationstisch. Für Dr. Niels Benatar beginnt eine Arbeit, die er mit der eines Bildhauers vergleicht: Wie der Künstler die Figur aus dem Stein meißelt, schält der Chirurg einzelne Gliedmaßen aus einer unvollkommen gewachsenen Hand. Der Chefarzt der Handchirurgie im Krankenhaus Marienstift gilt als einer der führenden Spezialisten auf dem Gebiet der angeborenen Handfehlbildungen. Patienten reisten sogar aus Singapur, Bangladesch, Syrien, Griechenland, Polen, der Türkei und Ukraine an.

Eines von 2000 Kindern kommt mit einer Handfehlbildung zur Welt. "Fast alle Eltern werden von dieser Laune der Natur vollkommen überrascht", weiß Benatar, selbst Familienvater. "Es gibt häufig Tränen und lange Gespräche." Was ihn persönlich schmerze: Eltern seien oft so hilflos und allein gelassen. Eine zentrale Informations- und Beratungsstelle zum Thema Fehlbildungen sei ein Projekt, "das in meinem Kopf herumspukt".

In den meisten Fällen haben sich zwei oder auch mehrere Finger während der Embryonalentwicklung nicht voneinander getrennt. Ebenso kann es während dieser Entwicklungsphase im Mutterleib zu Doppelanlagen der Gliedmaßen oder zu fehlenden Fingern kommen. Möglichst im ersten Lebensjahr des Kindes korrigiert Benatar solche Fehlbildungen.

Zwei Kriterien sind entscheidend: die Funktionstüchtigkeit und die Ästhetik. Denn Hände, sagt der gebürtige US-Amerikaner, haben für den Menschen eine besondere Bedeutung. "Sie sind einzigartig und unersetzlich."

Ein elementares Merkmal der Hand ist die so genannte Oppositionsfähigkeit. Das heißt: Der Daumen steht den übrigen Fingern gegenüber. Dadurch erst wird das Greifen möglich. So hat sich Benatar unter anderem darauf spezialisiert, fehlende Daumen durch die Umwandlung des Zeigefingers zu rekonstruieren.

Reines Handwerk sei das, was er tue, sagt der 45-Jährige. Nicht High-Tech, sondern Low-Tech mit Skalpell und Pinzette "wie schon vor 200 Jahren". Doch dazu muss der Chirurg plastisch-chirurgische, orthopädische wie auch neurochirurgische Operationstechniken beherrschen. Und er muss "durch die Haut blicken können", sich genau in der Anatomie auskennen. Acht bis neun Jahre dauert die handchirurgische Ausbildung.

OP mit Lupenbrille

Denn Handwurzelknochen und Röhrenknochen, kleine, komplizierte Gelenke, Streck- und Beugesehnen, Muskeln und Sehnen, Nervenstränge und Blutbahnen auf engstem Raum bergen das Risiko, zerstört zu werden. Und noch kleiner, noch enger beieinander liegen all die Gewebe bei einer Kinderhand. Lupenbrille und zierlichste Operationsinstrumente sind daher das Handwerkszeug des Chirurgen. Der 13 Monate alte Lukas (Name geändert) ist einer der jährlich rund 400 Patienten, die in der Zehn-Betten-Klinik für Handchirurgie und angeborene Handfehlbildungen im Marienstift operiert werden. Zwischen 25 und 40 Prozent sind Kinder mit Fehlbildungen.

Die Hand verzeiht nicht alles

Lukas leidet unter der Kurzfingerform einer so genannten Symbrachydaktylie. Das heißt: Die Finger einer Hand haben sich nicht auseinander entwickelt. Auf dem schrittweisen Weg zu einer vollständigen Hand-Rekonstruktion soll heute in einer zweiten Operation die Fingerfalte zwischen Mittel- und Ringfinger vertieft werden. "Man muss respektvoll mit der Hand umgehen. Wir wissen, dass sie nicht alles verzeiht", begründet der Chirurg das sukzessive operative Vorgehen. Für Benatar ist jede Operation spannend. Keine Fehlbildung ist wie die andere. Keine Operation verläuft wie die andere. "Es ist ein ständiges Improvisieren", sagt der Chefarzt. Trotz guter Vorbereitung. Die Ergebnisse seien Unikate.

Die Operation beginnt. Ein Arzt umwickelt den Oberarm des Kindes mit einer Manschette, klemmt das Blut ab. Das Operieren in Blutleere, bereits 1873 von einem deutschen Arzt entdeckt, ermöglicht präzises Arbeiten. Andernfalls wäre das so, als wolle ein Uhrmacher ein Uhrwerk in einem Tintenfass reparieren. Etwa zwei Stunden könne die Blutleere mit Unterbrechungen aufrecht erhalten werden, erklärt Benatar.

Mit einem Skalpell in Miniaturausgabe legt der Arzt die filigranen Arterien und Nerven der kleinen Hand frei damit kein wichtiger Versorgungsweg versehentlich durchtrennt wird. Ein Kollege aus dem OP-Team fotografiert jeden OP-Schritt. "Blutleere öffnen", bittet der Chefarzt. Er will testen, ob eine sich verzweigende Arterie beide Finger mit Blut versorgt. Wie sich zeigt, ist ein Arterienstrang unterentwickelt. Der Chirurg kann ihn stilllegen - die wesentliche Voraussetzung, um beide Finger voneinander zu trennen. Vorsichtig vertieft er die Fingerfalte um 1,5 Zentimeter.

Transplantate aus Armbeuge

Nun muss fehlende Haut durch Transplantate ersetzt werden. Der Braunschweiger Handchirurg entnimmt die Hauttransplantate nicht wie üblich aus der Leiste, sondern aus der Armbeuge des Patienten. Weil die Haut farblich besser passe und frei von Haaren sei.

Dr. Niels Benatar zeichnet auf Papierschablonen Größe und Form der benötigten Transplantate nach, bevor er nach ihrem Vorbild zwei Hautlappen ausschneidet. Nun beginnt "die Fleißarbeit". Mit einem feinen Faden näht er die Haut zusammen.

Die winzige Nadel führt er mit einem Nadelhalter - einer von ihm in Auftrag gegebenen Spezialanfertigung, wie viele seiner Instrumente. Eine Naht in Zickzackform entsteht. Denn, da Narben grundsätzlich langsamer wachsen als der Körper, könnte ihr gerader Verlauf zur Verkrümmung der Finger führen.

Damit sich die Haut erholen, sich die Narben festigen können, wird der kleine Lukas etwa zwei Wochen lang eine Oberarmschiene tragen. Das Kleinkind liegt noch in der Narkose, als ihm die Schiene angelegt wird. Wenn er aufwacht, wird ihn die vertraute Melodie seiner Spieluhr begrüßen.

Von Bettina Thoenes, BRAUNSCHWEIGER ZEITUNG vom 9.1.2001