Ein Zentrum für besondere Menschen

Feierliche Eröffnung des Medizinischen Behandlungszentrums für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen (MZEB)

„Das klingt jetzt spektakulär“, sagt Iris Veit, während sie vor einem rund 100-köpfigen Publikum im Großen Saal des Krankenhauses Marienstift steht. Dann atmet die Mutter eines autistischen Jungen kurz durch und spricht weiter: „Das Team dieses Zentrums für besondere Menschen hat das Leben meines Sohnes Julian gerettet.“ Das Zentrum, von dem Iris Veit berichtet, ist das medizinische Behandlungszentrum für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen (MZEB), das nach einer Umbauphase nun feierlich eröffnet wurde. Bevor der 23 Jahre alte Julian dort wegen heftigem selbstverletzenden Verhalten behandelt wurde, durchlebten er und seine Familie eine jahrelange medizinische Irrfahrt, mit bitteren Enttäuschungen, einem „heftigen Medikamentencocktail“ sowie der langfristigen Gabe eines Medikamentes, das die körpereigene Abwehr stark geschwächt hat. „Das entsprechende Medikament wurde im MZEB umgehend abgesetzt, Julians Werte erholten sich sehr langsam, inzwischen geht es ihm gut“, so Veit.

Das MZEB am Standort Marienstift hat im vergangenen Jahr seine Arbeit aufgenommen. Damit bauen die Lukas-Werk Gesundheitsdienste GmbH, eine Gesellschaft der Evangelischen Stiftung Neuerkerode, die medizinische Behandlung für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung oder schweren Mehrfachbehinderungen aus. Im Anschluss an die feierliche Eröffnung hatten interessierte Gäste die Möglichkeit, die neuen Räumlichkeiten zu besichtigen. Neben der Barrierefreiheit wurde bei dem Umbau insbesondere auf eine klare Ausstattung und Anordnung der Räumlichkeiten Wert gelegt, so dass Patienten keine Reizüberflutung erleben.

„Mit dem interdisziplinären und multiprofessionellen Team wollen wir die Beschwerden unserer Patienten besser erkennen und behandeln, auch wenn sich die Patienten aufgrund ihrer Beeinträchtigungen häufig nicht ausreichend mitteilen können oder sich Krankheitssymptome anders zeigen als bei Menschen ohne Beeinträchtigungen“, erläuterte Dr. Michael-Mark Theil in seinem Vortrag bei der feierlichen Eröffnung des MZEB. Neurologen, Psychiater, Psychologen, Allgemeinmediziner und Internisten arbeiten dort gemeinsam mit Physio- und Ergotherapeuten sowie Logopäden unter einem Dach. Patienten erhalten mit allen Experten abgestimmte Therapien, für verschiedene Untersuchungen müssen sie sich nicht immer wieder auf fremde Umgebungen einlassen. „Bei der Behandlung von Patienten mit geistiger Behinderung benötigen wir viel mehr Zeit“ erläuterte auch Dr. Samuel Elstner, Chefarzt des MZEB Pfeiffersche Stiftungen Magdeburg, eine weitere Besonderheit des Zentrums.

Das MZEB in Braunschweig ist niedersachsenweit eines der ersten dieser Art. Erst im Juni 2015 wurde die gesetzliche Grundlage dafür geschaffen. Zuvor gab es ausschließlich sozialpädiatrische Zentren zur Behandlung von Kindern mit geistiger Behinderung. Mit dem Eintritt in das Erwachsenenalter entstand eine Versorgungslücke. „Jörg Röhmann, niedersächsischer Staatssekretär a.D., und die Stadt Braunschweig haben unsere Bemühungen zur Einrichtung des MZEB von Anfang an unterstützt“, bedankte sich die Geschäftsführerin der Lukas-Werk Gesundheitsdienste Petra Sarstedt-Hülsmann bei der feierlichen Eröffnung. Die AOK Niedersachsen sei in langen Verhandlungen ein kritisch-konstruktiver Verhandlungspartner gewesen. In ihren Grußworten betonten sowohl Braunschweigs Oberbürgermeister Ulrich Markurth als auch Jörg Röhmann und Rainer Rinne, Regionaldirektor der

AOK Niedersachsen, die Wichtigkeit des MZEB. „In der Region leben mehrere tausend Menschen, die auf die medizinische Versorgung im MZEB angewiesen sind“, so Ulrich Markurth. Der Staatssekretär a.D. Jörg Röhmann betonte: „Wir bräuchten deutschlandweit etwa 70 solcher Zentren.“ Rainer Rinne hob die Netzwerkarbeit hervor, die das MZEB leiste, und das hohe Maß an Eigenständigkeit, welches für Patienten angestrebt und ermöglicht werde.

Rüdiger Becker, Direktor der ESN, betonte in seinen abschließenden Worten, dass das MZEB ein neuer und starker Knoten im Netzwerk der sozialen, pflegerischen und gesundheitlichen Dienstleistungen unter dem Dach der Stiftung wäre. Er nahm Worte in leichter Sprache auf und unterstrich: „Wir sind viele, wir haben verschiedene Berufe und wir arbeiten zusammen, damit es Menschen gut geht, die sich an uns wenden.“ Besser ließe sich das Versorgungsnetzwerk der ESN nicht beschreiben.